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Dez. 08 2010

Schneechaos im Hinterhof

Kategorie Dies & Das


Neulich erst hatte ich über die sensationslüstnere Berichterstattung der Medien zum Thema „Schnee im Winter“ kritisiert. Nun bin ich selbst „Betroffener“ und möchte an dieser Stelle – sachlich und ohne unnötige Emotionen – über mein morgendliches Erlebnis mit den Schneemassen berichten.

Seitdem wir im „Hecht“ wohnen, also in einer Wohnung in Dresden, sind wir stolze Mieter eines PKW-Stellplatzes im Hinterhof des Nachbarhauses. Gerade in unserem Viertel ist dies ein hohes Gut, welches man auf keinen Fall missen möchte. Der Hinterhof ist in zwei Parkebenen aufgeteilt. Die Zufahrt zur unteren Parkebene führt über einen schmalen geschwungenen und sehr steilen Weg – ähnlich der Zufahrt in einem Parkhaus. Vorgestern waren leider alle Stellplätze auf der oberen Parkebene belegt – somit blieben uns zweierlei Möglichkeiten. Entweder wir nehmen das Risiko des „nicht-wieder-hoch-kommens“ in Kauf und stellen das Auto auf der unteren Parkebene ab, oder wir suchen zu später Stunde im Hecht nach einem freien Parkplatz und wir schleppen ich schleppe den soeben erworbenen Weihnachtsbaum (klein und scheinbar leicht aber in einem groÃ?en Topf eingebuddelt und darum übelst!!! schwer!) durchs halbe Viertel. Eigentlich sollte man sich als langjähriger und damit erfahrener Führer eines Kraftfahrzeugs ohne lange zu überlegen mit der zweiten Möglichkeit begnügen. Wie so oft in solchen Situationen obsiegte jedoch die Faulheit über die Vernunft. Und das, obwohl sich meine Frau plötzlich daran erinnerte, dass erst vor wenigen Tagen ein anderes Auto einen Tag lang in der Zufahrt stand, weil es diese aus eigener Kraft nicht mehr bewältigen konnte. Vermutlich aufgrund des in das fahrerische Können ihres Mannes gesetzten Vertrauens und der Tatsache, dass sie selbst keine Lust auf eine vermutlich langwierige Parkplatzsuche hatte, blieb es bei dem kurzen Hinweis. Würde es später tatsächlich Probleme geben, könnte sie sich wieder mit einem geschmeidigen „Hab ich dir doch gleich gesagt!“ aus der Affäre ziehen. So sindse – die Frauen…;-)

Der schwierigen GroÃ?wetterlage bewusst, bot ich meiner Frau bereits gestern Abend an, mit ihr heute Morgen gemeinsam das Auto vom Parkplatz zu fahren. Männer gehen allgemein anders mit derartigen Witterungsbedingungen um. Zwar regen sie sich ähnlich wie die Frauen bei jedem noch so kleinen vom Himmel fallenden Flöckchen auf und machen aus dem täglichen, natürlich nur mit dem Auto zu bewältigenden Arbeitsweg, einen Staatsakt. Andererseits freut sich das Männerherz auch insgeheim auf den winterlichen Kurvendrift und das An- und gerne auch gleichzeitige Abschleppen hilfloser weil liegengebliebener junger Frauen. Insofern war meine hilfsbereite Geste durchaus eine Selbstverständlichkeit – wollte ich doch mein fahrerisches Können bei dieser kniffeligen Angelegenheit unter Beweis stellen.

Vorbereitung des Sportgerätes Fahrzeugs

Schon auf dem Weg über den schmalen Weg zur unteren Parkebene wurde mir bewusst, dass unser Vorhaben nicht sehr einfach zu bewältigen sein würde. In der Nacht hatte es Neuschnee gegeben. Gleichzeitig war der bisher gefallene Schnee durch die leichten Plusgrade über Nacht angetaut, was eine extrem matschige Fahrbahn zur Folge hatte. Da das Auto wieder komplett zugeschneit war, mussten wir es erstmal von der weiÃ?en Pracht befreien. Anders als dieser arme Tropf hier…

…hatten wir den Vorteil, dass sich nur ein Auto hier herunter getraut hatte – somit konnten wir sicher sein, das richtige Auto freizuräumen. Dabei ist es besonders wichtig, jedes auch noch so kleine Schneekrümelchen zum Zwecke der Einsparung von unnötigem Ballast von der Karosserie zu räumen. Bevor ich mich hinter das Steuer setzte, erklärte ich meiner Frau nochmal, worauf es in solch einer Situation ankommt: Mindestens den zweiten Gang rein, Kupplung langsam kommen lassen und wenn der Schleifpunkt dann erreicht ist mit diesem gefühlvoll spielen, so dass die maximale Kraft auf die Räder übertragen werden kann. Auch wenn es SpaÃ? macht die Räder durchdrehen zu lassen, besteht der Trick darin, dass dies gerade nicht geschieht, da sich sonst der Wagen unweigerlich selbst eingräbt. AuÃ?erdem ist es von Vorteil, wenn man sich der Steigung mit ein wenig Schwung nähert, um Dank der überschüssigen Energie das Hindernis zu bewältigen. Das Ziel war klar, die theoretische Vorgehensweise auch – Zeit sich der Praxis zu widmen…

Der Erste Versuch

Nachdem der Wagen vom Schnee befreit und selbiger „in Stellung“ gebracht worden war, konnte der erste Versuch starten. Zunächst gab ich ordentlich Gas, um mit dem erlangten Schwung den gröÃ?ten Teil der Auffahrt zu erklimmen. Schon auf der Hälfte der Strecke war die überschüssige Energie – vermutlich durch den starken Rollwiderstand des Schneematsches – aufgebraucht. Gleichzeitig stemmte sich die Hangabtriebskraft erfolgreich gegen mein Bestreben, das Ende der Auffahrt zu erreichen. Der Wagen wurde langsamer – die Räder begannen durchzudrehen – der erste Versuch war gescheitert.

Anschieben

Nachdem ich trotz meiner Fahrkünste nicht den ganz groÃ?en Erfolg verbuchen konnte, war uns bewusst, dass wir etwas an unserer Strategie ändern mussten. Wenn das Wägelchen schon nicht von alleine die Steigung meistern kann – muss es halt zusätzlich angeschoben werden. Allerdings offenbarte sich bei diesen Ã?berlegungen ein gewisses Problem – ich konnte nicht gleichzeitig das Steuer bedienen und anschieben. Da ich durchaus etwas kräftiger gebaut bin, als meine Frau, entschieden wir uns dafür, die Rollen wie folgt zu verteilen: Meine Frau würde – nach einer kurzen Einweisung in die Besonderheiten des „Anfahrens am Berg bei Schnee“ – auf dem Fahrersitz Platz nehmen, während ich mich Kraft meiner Wassersuppe mit meinem Gewicht gegen das Heck des Fahrzeugs stemmen würde. Leider führte auch das Anschieben zu keiner signifikanten Verbesserung unserer Situation. Vielmehr verschlechterten sich die Umstände sogar noch durch unsere Aktion. Während sich die Vorderräder immer tiefer in den matschigen Schnee eingruben, stellte sich das Auto leicht quer, so dass auch der rückwärtige Weg für den Fall, dass wir unser Vorhaben komplett abbrechen und das Auto wieder auf seinen Parkplatz stellen würden, nicht mehr möglich war. Trotz meinem in solchen Fällen schier grenzenlosen Optimismus, machte sich auch bei mir erste Anzeichen von Resignation breit.

Hilfe naht

Während wir da so hilflos im Schnee standen, hatten wir gar nicht bemerkt, dass wir vom oberen Parkdeck aus beobachtet wurden. Eine Mieterin aus unserem Haus hatte gerade ihr Kind in ihrem „PT Cruiser“ verstaut und bot uns ihre Hilfe an. Bei allem Respekt – sie war nicht unbedingt von der Statur, mit der sie uns jetzt beim Anschieben hätte groÃ? weiterhelfen können. Dennoch schlugen wir die Hilfe nicht aus und versuchten mit vereinten Kräften erneut unser Glück – vergebens. Die Karre steckte fest.

Noch mehr Hilfe

Nun waren wir tatsächlich nahe dran aufzugeben. Da erschien ein weiterer Mieter unseres Hauses auf dem Parkplatz und bot uns ebenfalls seine Hilfe an. Er hatte das Spektakel von seiner Wohnung aus beobachtet und unsere ausweglose Situation erkannt. Anders als andere hinter den Fensterscheiben zu erkennende Gaffer, hatte er sich spontan dazu entschieden, uns zu Hilfe zu eilen. Der Helfer war Inhaber eines VW-Transporters und auÃ?erdem – anders als wir – im Besitz eines Abschleppseiles. Mit einem Mal schien die Auffahrt ihren Schrecken zu verlieren. Ich erkundigte mich bei meiner Frau, ob sie von der Szenerie ein Foto machen könnte – damit würde der  fällige Blog-Beitrag besonders gut rüberkommen – und erntete mit dieser Frage verständlicherweise einen besonders bösen Blick.

Leider gab es einen kleinen Wermutstropfen: Da wir (bisher) kein Abschleppseil unser Eigen nennen können, musste der VW-Transporter selbst ein Stückweit die Auffahrt heruntergefahren werden – das vorhandene Seil war einfach zu kurz. Man muss kein Physiker sein, um den Nachteil dieser Vorgehensweise zu erkennen. Der Transporter bekam nicht genügend Grip – und – man ahnt es schon – blieb selbst stecken. Nun war der Schlamassel perfekt.

Noch viel mehr Hilfe

Eine halbe Stunde war mittlerweile vergangen. Noch immer stand unser Auto auf halben Weg der Auffahrt. Zwei Meter davor hatte sich unser freundlicher Helfer selbst festgefahren. Ich begann ausgeprägte Schuldgefühle zu entwickeln und wusste keinen Ausweg. Dieser offenbarte sich in diesem Augenblick in Form einer weiteren Mieterin, die mit einem riesigen Schneeschieber und einem groÃ?en Eimer Split bewaffnet den Parkplatz betrat, um uns ihre Hilfe anzubieten. Plötzlich ging alles ganz schnell. Fix mit dem Schneeschieber den gröbsten Matsch weggeräumt. Danach groÃ?zügig Split verteilt und mit vereinten Kräften den Transporter wieder auf den Parkplatz geschoben. AnschlieÃ?end griffen sich 6 starke Hände das Heck unseres Autos und mit vereinten Kräften, und auch dank meiner bereits erwähnten Fahrkünste, war der Widerstand gebrochen. Langsam aber unaufhaltsam schob sich das Auto Zentimeter um Zentimeter den Hang hinauf. Oben angekommen betätigte ich vor Freude mit einem breiten Grinsen mehrfach die Hupe – geschafft – endlich – herrlich.

Insgesamt haben wir eine Dreiviertelstunde gebraucht, um unser Auto aus der misslichen Lage zu befreien. Nicht auszudenken – wenn wir den Kleinen den ganzen Winter über stehenlassen und auf Tauwetter hätten warten müssen. Der Dank geht an alle Helfer, ohne deren Zutun wir verloren gewesen wären. Da soll noch mal einer sagen, dass die „Nachbarschaftshilfe“ in der heutigen düsteren Zeit nicht mehr das ist, was sie früher angeblich mal war.

Fazit: Nie wieder parken wir im Winter in dieser Falle – NIE WIEDER! AuÃ?erdem wünscht sich meine Frau vom Weihnachtsmann ein Abschleppseil! 😉

3 Kommentare

3 Kommentare zu “Schneechaos im Hinterhof”

  1. Michaelam 10. Dez. 2010 um 10:40 Uhr

    🙂 Schön geschrieben. Aber wie wäre es statt eines Abschleppseiles mit einer Schneeschaufel? War doch effektiver? 🙂 Frohes Fest – Michael

  2. MrCarbonam 14. Dez. 2010 um 11:13 Uhr

    🙂 ScheiÃ? Anlass aber schöner Beitrag Das lesen hat echt SpaÃ? gemacht. Rückwärts hoch wäre noch ne Idee gewesen 😉

  3. blechkoppam 14. Dez. 2010 um 21:59 Uhr

    @Michael: Die Schneeschaufel ist leider erst später zu uns gestoÃ?en.
    @ MrCarbon: Die Idee kam kurzzeitig auch auf – jedoch wollte die Karre zu dem Zeitpunkt weder rauf noch runter…zum Drehen war es also schon zu spät.

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