Elbseite - Meter - Licht - Nicht

Jun 16 2013

Der tägliche Wettkampf

Kategorie Dies & Das

Vor einigen Tagen war ich mal wieder auf der anderen Elbseite. Wie die meisten Rechtselber habe ich über die Jahre eine von Vorurteilen geprägte aber dennoch gesunde Abneigung gegen das linkselbische Gebiet entwickelt. Darum hüte ich mich davor, allzu oft die heimischen Gefilde in Richtung besagter Elbseite zu verlassen. Neulich ging es aber nicht anders. Ein Termin auf der Loschwitzer Straße wollte wahrgenommen werden. Diese – so verriet mir die Online-Map meines Vertrauens – war ohne eine Elbquerung quasi nicht zu erreichen. Also sattelte ich meinen Esel aus Draht und machte mich auf den Weg ins Ungewisse.

Eigentlich kam ich ganz gut voran bis…ja…bis ich an einer Lichtsignalanlage durch rotes Licht (wir Farbenblinde sagen immer oben) zum Halten aufgefordert wurde. Anders als viele Fahrrad-Rowdies nehme ich solch ein Licht auch immer oft meistens gelegentlich ernst. Und wie ich da so stehe und mir die Sonne auf die kahle Stirn scheinen lasse, höre ich, wie von hinten ein anderer Radler angebraust kommt. Während ich noch damit rechne, dass er, ohne auch nur ansatzweise den Anschein zu erwecken, den Haltevorgang einleiten zu wollen, an mir vorbeischiessen würde, schaltet die Ampel auf grün (wir Farbenblinden sagen immer unten). „Weg!“ – ruft er atemlos und umkurft mich mit einem eleganten Schlenker. Erst jetzt habe ich Gelegenheit, mir den ungeduldigen Zeitgenossen mal etwas genauer anzuschauen. Er gehört zu dem Typ Mann, die ihr Defizit bei der Körpergröße mit gezieltem Aufbau von Muskelmasse wettmachen wollen. Die Rahmenhöhe seines niegelnagelneuen Mountainbikes würde mir vermutlich nur bis zur Kniekehle reichen. Mit einem beeindruckenden Stechtritt, der selbst den guten alten Lance A. neidvoll erblassen lassen wurde, schickte er sich an, möglichst schnell Meter zwischen sein Hinter- und mein Vorderrad zu bringen. Kopfschüttelnd setzte auch ich meinen Weg fort. Mein Radfahrer-Stil ist ja eher an Jan U’s. angelehnt. Der Gang kann mir nicht hoch genug sein. Runtergeschalten wird nur, wenn keiner guckt. Mit scheinbar gemütlichem bei gleichzeitig kraftvollem Tritt schwebe ich förmlich durch die Prärie. Körperlich – selbstverständlich – am Limit, was ich mir aber nicht anmerken lasse. Und wie ich da so vor mich hin gleite, merke ich, wie mein Kontrahent trotz seiner wilden Strampeleien keinen einzigen Meter gut macht. Eher im Gegenteil. Peu à peu komme ich näher. Nicht, dass ich den Windschatten über die Maßen ausnutzen würde. Ich bin einfach besser. Denke ich so bei mir. Ich hole tief Luft, presse ein möglichst relaxtes „Obacht!“ durch meine Lippen und lasse die Klingel 1x scheppern. Mein Kontrahent scheint mich gar nicht bemerkt zu haben, so erschrocken zuckt er zusammen. Fast schon demütig macht er mir Platz. Ich rausche mit einem deutlichen Überschuss an Geschwindigkeit an ihm vorbei, nur um direkt vor ihm den Radweg in eine Nebenstraße zu verlassen. Nicht etwa, weil ich am Ziel angekommen wäre. Vielmehr hatte mich dieses kleine Rennen dann doch ganz schön geschlaucht.

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